Wohnwagenfamilie
Traum & Wirklichkeit

FKK stirbt aus. Selber schuld?

Immer wieder hört man in Gesprächen mit Verantwortlichen aus der FKK-Verbandswelt, dass die Mitgliederzahlen der FKK-Vereine rückläufig sind und es am Nachwuchs mangelt. In jeder Ausgabe der „Freikörperkultur“ (Verbandsmagazin des DFK) liest man nicht nur im Vorwort darüber, sondern es reiht sich auch Artikel an Artikel zu diesem Problem.

Aber warum ist das so?

FKK zu (er)leben kann wirklich toll sein. Gerade nach unseren Erlebnissen bei Meehrerleben am Rosenfelder Strand. Alle sind gleich. Egal ob groß, klein, dick, dünn, „kurz“, „lang“, jung oder alt. Jeder akzeptiert jeden so wie er ist.

So war es auch vor zwei Jahren bei unserem ersten (Zufalls-)Urlaub auf einem kleinen FKK-Campingplatz am Halbendorfer See in Sachsen. Niemand schaute dich komisch an, alle waren gleich. (Beide Plätze stellen wir auf www.wohnwagenfamilie.de vor)

Allerdings muss ich sagen, dass wir wohl einfach nur Glück hatten. Denn die Realität sieht leider manchmal anders aus…

Bei „Mee(h)rerleben“ haben wir auch in diesem Jahr wieder viele interessante Menschen kennen gelernt, von denen viele in ihrer sonstigen Freizeit in FKK-Vereinen organisiert sind. Sie erzählten von ihren tollen Vereinsgeländen und dem interessanten Vereinsleben mit Sport und gemeinsamen Aktivitäten.

Zurück daheim schauten wir uns also mal um. Was gibt es für Vereine bei uns in der Nähe? Immerhin leben wir ja im hochgelobten FKK-Osten der Republik. Da sollte doch was machbar sein. Über den Landesverband Berlin-Brandenburg sind alle FKK-Vereine aufgelistet und man kann sich (über fast alle) auch online informieren. Beim Lesen der Vereinssatzungen aber kommt dann die Ernüchterung.

Ihr seid hier unerwünscht!

Gerade in der heutigen Zeit sollte man ja meinen, dass man mit Tätowierung oder Piercing nicht mehr in irgend eine Knast- oder SM-Ecke gestellt wird, sondern, dass so ein Körperschmuck nahezu normal und auch alltagstauglich ist.
Ich meine – hey – wir haben am Rosenfelder Strand Männer und Frauen über 70 (!) mit Intimschmuck oder Tätowierungen gesehen. Und? Alle sind gleich. Egal ob Mann mit Schmuck oder Frau mit Brustpiercing.

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(Foto: pixabay.com)

Das sollte uns FKKler doch auch eigentlich ausmachen. Wir propagieren doch immer die Offenheit und Ungezwungenheit. Sollten da nicht gerade die FKK-Vereine tolerant sein? Oh nein. Selbst der größte FKK-Verein Berlins – ohne hier jetzt Namen zu nennen – stellt auf seiner Homepage eindeutig klar: „Kein Zutritt mit Körperschmuck!“

Und nochmal…: Wir reden hier von Berlin. Nicht Buxtehude oder Babenhausen. Sondern Berlin. Die Bundeshauptstadt. Eine Metropole mit 3,5 Millionen Einwohnern, die jährlich hunderttausende Menschen aus der ganzen Welt anzieht. Berlin. Die Stadt, in der alles möglich ist. Außer: Tätowiert oder gepierct einem FKK-Verein beizutreten.

Wen wundert der mangelnde Nachwuchs?

Wir sind beide um die 40. Wir sind tätowiert und auch gepierct. Für unsere Kinder ist das völlig normal. Übrigens auch für alle anderen Menschen in unserem „normalen“ Alltags- und Berufsleben.

WohnwagenfamilieWie gesagt leben wir in einer Zeit, in der diese Art Körperschmuck zur Normalität gehört (außerhalb der leider meist sehr eingestaubten FKK-Vereine). Sehr viele Menschen – auch im Alter um die 40 – haben Tattoos oder Piercinge und sind deshalb nicht gleich pervers, kriminell oder anders.

Wer sich als toleranter und offener FKK-Verein versteht, sich aber gegenüber dem „Nachwuchs“ dermaßen antiquiert verweigert, der kann und darf sich einfach nicht wundern, dass er keinen Nachwuchs bekommt und FKK vielleicht noch nicht auf dem absterbenden, wohl aber auf dem vergreisenden Ast sitzt.

Okay. Wir wissen ja, dass Deutschland langsam ist. Sehr langsam. Das Frauenwahlrecht gibt es erst seit 1949 und Homosexualität ist auch erst seit 1994 (!) mit der Streichung des §174 StGB nicht mehr unter Strafe gestellt. Nahezu unvorstellbar. Aber alles noch gar nicht so lange her…
In Sachen Körperschmuck scheinen sich einige Teile der Republik aber weiterhin noch strikt zu verweigern. Schade.

Auch das noch!?

Wenn man es nun dennoch geschafft hat, dass man irgendwie mit einem solch antiquierten Mitglied eines solchen Vereins in Kontakt kommt und er großzügig über dein Tattoo und Piercing hinwegschaut, warten die nächsten Hürden auf dich.

Hier ein Beispiel:
Ich habe an einem Abend bei „Mee(h)rerleben“ gemeinsam mit einem solchen Exemplar Dienst in der Grillhütte gehabt. Nachdem er begonnen hatte meine Tattoos und Piercings auszublenden (die man, wenn ich angezogen wäre ja auch nicht sieht), stellte er fest, dass wir uns – trotz massiven Altersunterschiedes – prächtig verstehen. Wir hatten Spaß und es war eine tolle Schicht.

Nach Schichtende wollte ich dann eine Zigarette rauchen. Er sah das, sagte „…und ich dachte, du wärst ein guter Kerl!“, drehte sich um und wart nie wieder gesehen.
Raucher scheinen ebenfalls nicht in die FKK-Zielgruppe zu passen.

An den Pranger

In einem eigentlich sehr schön gelegenem FKK-Verein direkt bei uns um die Ecke, nur einen Steinwurf von uns entfernt und eigentlich das ideale Ziel für uns, sieht es nicht anders aus. Wer dort mit dem Wohnwagen Urlaub macht, darf nicht einmal an / vor seinem Wohnwagen rauchen. Du musst dich auf den Weg über den Platz machen zum Ausgang. Dort ist eine Nische in der Ecke, in der die aussetzigen Raucher dann ihrer Sucht nachgehen können. Argwöhnisch betrachtet von den anderen Mitgliedern.

Ich will nicht zu kritisch sein, aber diese Art und Weise der Mitgliederselektion erinnert mich an Maßstäbe, die wir eigentlich geschichtlich hinter uns gelassen haben sollten. Es fehlt nur noch, dass Raucher eine Armbinde tragen müssen, um sie besser ausgrenzen zu können. Schlimm.

Das Thema FKK-Verein scheint somit wohl erstmal abgehakt zu sein. Jedenfalls hier in und um Berlin. Sicher gibt es auch andere Beispiele in der Republik. Wir sind gespannt. Was könnt ihr berichten?

Also geht es wieder ab an den Badesee. Aber da lauern die nächsten Hürden, die sich zwangsläufig aus genau den oben beschriebenen „Richtlinien“ der „Ur-FKKler“ ergeben:

Du hast die Wahl zwischen jung und alt

So scheint es jedem zu ergehen, der – zumindest an Seen in unserer Umgebung – baden gehen möchte.
Da gibt es nicht nur zwei Bereiche (FKK und Textil), sondern auch zwei völlig unterschiedliche Lager. Der Textilbereich ist besucht von jüngeren Leuten und Familien mit Kindern, ausgestattet mit Spielmöglichkeiten für die Kleinen und tollen Badestellen.

Der FKK-Bereich ist abgetrennt, kleiner, ohne Spielplätze, mit schlechteren und kleineren Badestellen, Liegeplätzen im Schatten und das Badepublikum ist im Durchschnitt weit jenseits der 65.
Uns persönlich ist so ein Altersunterschied völlig egal. Wir haben bei unseren FKK-Urlauben viele tolle Menschen über 70 kennen gelernt. Mit einem (74 und 76) sind wir sogar sehr gut befreundet und gestalten gemeinsame FKK-Urlaube. Die sind tolerant, offen und aufgeschlossen.

Die meisten Besucher an den FKK-Stellen sind aber genau das Publikum, das „Leute wie uns“ nicht toleriert. Jünger, tätowiert und gepierct.
Nachdem du dich also mehrfach abwertend ansehen lassen musst, gehst du wieder deiner Wege, schnappst dir ne Badehose und gehst in den Textilbereich. Schade. Und abschreckend. Leider.

Deutschland FKK schafft sich ab!

So sieht es zumindest aus. Und so scheint es auch bei vielen Vereinen leider der Wunsch zu sein. Unter sich zu bleiben. Gemeinsam zu altern. Bis,… ja bis irgendwann einer das Licht ausmacht und das Eingangstor zum Vereinsgelände endgültig abschließt.
Jedenfalls liest sich das Angebot der (meisten) Vereine auch nicht unbedingt spannend und ansprechend für junge Familien mit Kindern. Oder hat jemand wirklich Kinder, die gerne „Petanque“ oder „Boule“ spielen, oder schon immer einmal einen Canasta-Abend machen wollten?!

***

Natürlich wird dieser Bericht viele aufregen. Aber es wird sicher auch viele geben, die diese Zeilen nickend und zustimmend lesen und sich wiedererkennen. Und genau das ist der Sinn. Das Thema ist allgegenwärtig und es sollte offen besprochen werden. Es nutzt nichts, wenn „die hinterm Zaun“ jammern, dass sie keine neuen Mitglieder bekommen, aber gleichzeitig „die vorm Zaun“ nicht wollen.

Wir jedenfalls werden weiter auf der Suche sein nach so toleranten und offenen Veranstaltungen wie „Mee(h)rerleben“ und Plätzen, auf denen man FKK leben kann, ohne angestarrt und ausgegrenzt zu werden.

 

Bis dann,

eure Wohnwagenfamilie


(Ab hier folgt Werbung, die wir nicht beeinflussen können)

 

 

 

14 thoughts on “FKK stirbt aus. Selber schuld?”

  1. Erst einmal ein fröhliches Hallo aus dem Siegerland an Euch. Wir erleben bei den FKK-lern diese ach so gepriessene Toleranz auch. Das liegt aber vielfach an den Vorständen, die überaltert sind, weil es keine jüngeren Mitglieder gibt, die sich für die Vorstandsarbeit zur Verfügung stellen. Es fängt schon damit an, dass dort, wo die Menschen abgeholt werden könnten, die wir brauchen, also junge Leute, nicht über die Internetforen beworben werden. Warum auch immer. Diese Foren sind zu gefährlich. Für was eigentlich ? ? Es könnten sich ja eventuell Leute melden, die nicht zu uns passen ?
    Wir, in unserem Verein, konnten Gott sei Dank in den letzten Jahren unsere Mitgliederzahlen konstant halten. Dies liegt auch vielleicht daran, dass einige unserer Mitglieder ganz offen mit dem Thema FKK umgehen und dies auch nach aussen tragen. So sind bei uns auch Kinder sehr willkommen und dürfen auch mal laut sein. Ob im Schwimmbecken, auf dem Trampolin, den Schaukeln oder auf den anderen Geräten. Oder beim Sport, für jung und alt. Gerne würde ich mal mit Euch persönlich über diese Dinge reden. Ihr seid herzlichst willkommen auf unserem Gelände. Und wenn Ihr gerne Boule spielt, lade ich Euch hiermit herzlichst zu unserem großen Bouleturnier am 07.10.2017 ein. Unsere HP:www.fsg-siegen.de und mein Name ist Reinhard Fischbach. 2. Vorsitzender der FSG-Siegen e.V.

  2. Klasse Bericht. Nicht resignieren sondern weitermachen und verändern. Es lohnt sich.
    Wer glaubte vor 15 Jahren schon, dass gleichgeschlechtliche Paare in FKK-Vereinen aufgenommen werden uns -vor allem – akzeptiert werden ohne Wenn und Aber.
    Viele Grüße aus Köln
    Franz

  3. wie recht Du Hast bei uns im verein war es bis vor wenigen Jahren ähnlich, Pircings und Tatoos sind jetzt gesellschaftsfähig. Rachen am Wohnwagen OKay und in dem Raucher Pavilion, wir liegen im Waldgebiet Königsforst vor den Toren von Köln. Ich bin Nichtraucher muss aber sagen in der Raucherhütte sind die lustigsten Leute. Die Gesinnung hat sich auch erst geändert mit dem Vorstand der sonst nur aus Rentnern bestand und jetzt aus jüngeren die noch 15-20 Jahre bis zur Rente haben. Die Hompage ist nicht meine sondern von unserem verein dem ich seit 27 Jahren angehöre und die beschriebenen Zustände voll mitbekommen habe . https://www.lichtkreiskoeln.de/

  4. Dann eben ohne Verein – wir fahren dieses WE z.B. ca. 280 Km zum FKK Campingplatz nach Bantikow / Kyritz. Textil und FKK Platz. Supernette Leute. Da findet man alles – gepierst, tätowiert – Schwul und lesbisch – Aber das tollste – KEINER STÖRT SICH DARAN. – Das ist es , was FKK ausmacht – jeder so wie er ist. Der weiteste Weg zum “ Knattercamping.de “ lohnt sich.
    LG
    Peter

      1. Sehr zu empfehlen. ist zwar 280 km von uns entfehrnt, wir waren schon 7 mal dort. Dieses WE wieder. Da dort auch Textil ist muß man sagen, man möchte auf den FKK Platz.

  5. Hallo, ein wirklich schöner Beitrag zum Thema FKK. Ich bin selbst Familienvater und liebe FKK. In einem Verein organisieren will ich mich aber gar nicht. Wozu? Ich fahre regelmäßig an Strände und Bereiche, wo ich einfach nackt sein kann. Mein Blog nimmt die verschiedenen FKK Bereiche auch hinsichtlich Familientauglichkeit unter die Lupe. nacktbaer.wordpress.com

    1. Hallo Nacktbaer! Vielen Dank für deine Antwort. Wir haben natürlich direkt deinen Blog angeschaut. Klasse Einführungsworte!! Hätte man nicht besser treffen können. Folge dir!

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